East Turkey and Blacksea 008 tour - Turkey offroad

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0208: Abfahrt Berlin um halb 6 morgens, es regnet, na klar. Der erste Tag sollte mich noch öfter mit Regen beglücken. Mehr oder weniger feucht bis zur tschechischen Grenze. Dann wirds besser. Später in Ungarn wieder Gewitterregen. Ich muss öfter mal anhalten, schliesslich sind Blitze gefährlich. Gegen Abend erreiche ich Budapest, es gibt Stau. Ich bin mittlerweile in den Strom der Heimaturlauber eingetaucht. Die Autobahn voll mit deutschen Kennzeichen, die Autos voller Familien. Irgendwann entkomme ich den Gewitterwolken. Ich fahre weiter in den Abend und in die Nacht und schlafe spät auf einer Raststätte kurz vor der serbischen Grenze, so wie alle, die hier unterwegs sind. Die Raststätten sind voll, überall schlafen Fahrer auf Matten neben ihren Wagen. Die Kinder spielen derweil nachts auf dem Spielplatz.

0308: Die Nacht ist kurz, gegen halb 5 stehe ich auf und koche einen Tee, es geht weiter über die Grenze und im frühen Morgen Richtung Belgrad, die Überfahrt über die Donau ist ein Ereignis, dieser Fluss ist einfach grandios. Ich werde mich viel später an ihm von meiner Reise verabschieden. Die Temperaturen steigen und am Mittag erreiche ich in der Hitze die bulgarische Grenze.

Die Grenzen sind das eigentliche Hindernis am Vorankommen, endlose Staus. Im Stau treffe ich ein paar libanesische Jungs aus Neukölln, die mit ihrer Familie nach Beirut fahren. Also auch noch einiges vor sich haben. Ich mogle mich an den brütenden Wagen vorbei und komme in einer Stunde rüber. In der Abenddämmerung erreiche ich die türkische Grenze, hier ist der Stau am Höhepunkt und alle wollen noch ein paar Meter machen. Chaos ohnegleichen. Die Polizei versucht der Auflösung der Fahrspuren Herr zu werden und das Ganze zu kanalisieren.

Ich schaffe es irgendwie, trotzdem an ihnen vorbeizukommen. Die türkische Abfertigung besteht aus mindestens 3 Stationen, Papiere, Pass, Eintrag des Fahrzeugs, Endkontrolle, ein Typ sitzt hinter einem Tisch mitten auf dem Platz und alle wollen seine Aufmerksamkeit. Man fährt irgendwie vor und stellt die Karre ab und versucht, den Typen dazu zu bekommen, seine Unterschrift unter die Stempel zu machen. Die Überquerung hat mich 2 Stunden gekostet, ich verwerfe die Idee, an diesem Abend noch nach Istanbul zu fahren, ich bin am Ende. Autos brauchen in diesen Tagen 6 Stunden für die Grenze, daran gemessen gings für mich schnell. Ich fahre hinter der Grenze von der Autobahn ab und suche eine Pension in Edirne. An der Einfallstrasse werde ich fündig, Pansyon Hamburg klingt gut und erweist sich als Treffer, gut und günstig, ich zahle 15 YTL fürs einfache Zimmer, wohlverdienter Schlaf nach 1000 km, die Besitzerin hat ne Weile in Hamburg verbracht und freut sich über Gäste aus der Nähe der alten Heimat.

0408: Den Morgen lass ichs langsam angehen, der Urlaub hat begonnen. Frühstück in den Suppenküchen an der grossen Moschee. Mal sehen wies heute so geht. Dann wieder rauf auf die Bahn. Am Mittag erreiche ich Istanbul und überquere die Bosphorusbrücke "Welcome to Asia" steht auf dem Schild auf der anatolischen Seite.

Das Schlimmste ist also geschafft. Der Verkehr auf der europäischen Seite ist wie ein wahnsinniger Strudel, der einen mitreist. Man kann sich nicht entziehen. Nach dem Passieren der Brücke wirds langsam ruhiger. Die türkischen Autobahnen sind die besten auf der Strecke, 6spurig und leer. Ich hatte das wohl vergessen. Ich komme schnell voran. Vergesse die Benzinpreise, die im ersten Moment schockieren, knapp 2 Euro der Liter, das sind ja gute Aussichten für den Rest der Fahrt. Na gut, Ohrenstöpsel rein, Gashahn auf, und ab gehts Richtung Kapadokien. Ich realisiere, dass ich bei dem Tempo locker bis zum Abend in Ortahisar ankommen kann. Mit 150km/h fegt der Anadolu Simsek (Anatolischer Blitz) über die leere Piste, die 3 Spuren in der Ideallinie nehmend. Am späten Nachmittag passiere ich Ankara, Ende der Autobahn. Die KGS-Karte, die ich auf der Brücke gekauft habe, erleichtert das Geschäft. Eine Magnetkarte, die an den Mautstationen die Durchfahrt beschleunigt, einfach dranhalten und die Schranke öffnet sich. Welcome to Mittelanatolien. Ich wähle eine Strasse südlich von Ankara, die D260 über Bala und Karakecili Richtung Kirsehir. Vielleicht ein Fehler, denn die Strasse wird gerade renoviert, sprich 40% sind Schotter. Das offroad-Abenteuer kann beginnen. Aber die GS wickelt das sauber ab, wie ein Bügeleisen macht sie die Piste glatt, Kara Ütü (Das schwarze Bügeleisen) wäre daher auch kein schlechter Nik für das Motorrad. Ich bin aber noch unentschieden was das betrifft. Später kommen noch Kara Simsek neben Anadolu Simsek ins Spiel. Zu Beginn der Dämmerung erreiche ich Kirsehir und bereite mich auf die letzte Stunde Fahrt Richtung Nevsehir in der Dunkelheit vor. Gegen 21.30 Uhr komme ich in Ortahisar an. 3000 km in 3 Tagen, es geht also. Man musste es ja einmal austesten, ob man tatsächlich in 3 Tagen nach Kapadokien fahren kann. Man kann. Aber der Preis ist, dass man sich einen Tag lang fühlt wie ein Seemann, der nach Wochen auf hoher rauher See wieder Land unter den Füssen hat. Schwankend eben. Der nächste Tag vergeht daher mit Ausruhen und ich geniesse eine grossartige Massage.

0608: Nurettin, mein Gastgeber, selbst begeisterter Harleyfahrer, empfiehlt mir eine Strecke, die ich nicht vergessen werde. Aber zunächst lasse ich in Kayseri den Vorderreifen wechseln. Ich habe 2 Reifen mitgebracht, die ich in Kapadokien wechseln lassen wollte. Aber der Hinterrreifen nimmt einfach nicht ab. Also machen wir das später. Nurettin ist zunächst besorgt, dass ich auch einen guten Mechaniker finde, denn der Vorderreifen ist schliesslich heikel, wenn der nicht richtig sitzt. Wir versuchens in Nevsehir, aber die Werkstätten winken alle ab, keine Tools für Tubelessreifen wechseln. Komisch, ich hatte mir das einfacher vorgestellt. Also telefonieren wir mit einer Werkstatt in Kayseri, wo ich am Mittag ankomme. 3 Typen sitzen in einem kleinen Raum voller Mopeds und Bilder an der Wand. Der eine ist Serhat aus Stuttgart, Werkzeugmacher, wie ich in meinem früheren Leben, und ist mit seiner Hayabusa hier auf Urlaub. Von Villach in Österreich bis nach Edirne den Autozug genommen und den Rest auf eigener Achse. Später will er nach Marmaris und dann über Italien zurück. Als ich ihm meine Pläne erkläre, guckt er etwas skeptisch und meint, ich wäre wohl in die falsche Richtung unterwegs. Er hat Recht. Schliesslich will ich in den Nordosten, fahre aber erstmal südlich ans Mittelmeer. Doch das hat schliesslich andere Gründe, die er nicht wissen kann. Das Rad wird ausgebaut und der Lehrling darf damit ab zum Reifenhändler. Inzwischen hängen wir in der Werkstatt ab und ich unterhalte mich mit einem Verkehrspolizisten, dessen GS 650 ebenfalls repariert wird. Auf meine Frage nach der immer wieder im Netz kursierenden Meinung, in der Türkei gäbe es eine Geschwindigkeitsbegrenzung für Motorräder von 70km/h, meint er, das stimme nicht, sondern es gelten die gleichen Bestimmungen wie für PKW, also innerorts 50, Landstrasse 90 und Autobahn 130 km/h, zuzüglich 10% Messtoleranz. Wir unterhalten uns auch über den Anschlag in Güngören, einem Arbeiterstadtteil Istanbuls 2 Wochen zuvor, der offiziell der PKK zugeschoben wird. Auch er glaubt nicht, dass das stimmt. Die PKK macht andere schräge Sachen, aber bestimmt keine Bomben in Arbeitervierteln. Ich wundere mich trotzdem, so eine Ansicht aus dem Mund eines Polizisten zu hören. Normalerweise denkt man, dass die voll auf Linie sind.

Nach 2 Stunden ist der Reifenwechsel erledigt und ich mache ich auf hinauf auf den Erciyespass. Der Erciyes ragt wie ein Monument aus der Ebene Kayseris, die Stadt auf 1054m, der Gipfel knapp 4000m. Jederzeit und schon lange vorher sichtbar. Der Pass hat 2500m und ist relativ unspektakulär. Der Berg selbst ist kahl. Ich fahre also schnell weiter in Richtung Yahyali, wo ich nochmal tanke und dann hinunter nach Avlagi, ab hier gehts wieder offroad, dh. die befestigten Strassen gehen zu Ende und es wird schotterig. Mein Ziel an dem Abend ist der Wasserfall von Kapuzbasi, den mir Nurettin empfohlen hat.

Fotostrecke Erciyes - TorosBerge

Nach einigen Stunden in Canyons komme ich an, es ist wirklich sehr beeindruckend. In 5 bis 10m breiten Fontänen kommen hunderte Liter Wasser pro Sekunde mitten aus dem Berg geschossen, und das gleich an mehreren Stellen. Es sind nur wenige Leute da, meist aus der umliegenden Gegend zum Picknick, der Ort ist zu abgelegen für Touristen. Aber die Berliner sind natürlich nicht weit. Kaum parke ich, kommen 3 Typen aus dem Wedding und begrüßen mich. Wie immer die Frage, ob ich die ganze Strecke auf dem Morad gekommen sei. Sie selbst besuchen Verwandte in der Gegend und machen sich einen schönen Tag in der freien Natur. Wir unterhalten uns eine Weile. Im Auto nebenan sitzt ein junger Typ, der wohl die ganze Zeit zugehört hat. Als die 3 verschwinden kommt er zögerlich aus dem Auto und stellt sich vor. Er ist ebenfalls aus der Gegend, will aber nichts wie weg vom Dorf. Er fragt mich ob ich ihm Tipps geben könne, welche Fremdsprachen nützlich seien, um möglichst erfolgreich das Dorfleben hinter sich zu lassen. Und welche Studienmöglichkeiten es in Almanya gäbe, ob ich überhaupt empfehlen würde, nach Almanya zu gehen zum Studieren. Ich bin da nicht so sicher, schliesslich ist Deutschland studientechnisch Provinz und diese Sprache zu lernen kein Spass, vor allem wenn man danach was anderes machen will, eigentlich Zeitverschwendung. Ich kann ihm nicht wirklich weiterhelfen, bin aber sicher dass er entschlossen genug ist, seinen Weg zu gehen, jedenfalls machte er einen sehr entschlossenen Eindruck, der Misere entkommen zu wollen. Man trifft noch überall auf den Hunger der jungen Leute, das Land ist nicht eingelullt in die durchkapitalisierte Saturiertheit, wie man sie aus Almanya kennt. Das Land ist hungrig und man will weg aus der Enge. Iyi basarilar!
Kapuzbasi Selalesi erweist sich als ein angenehmer Ort für die Nacht, am Zusammenfluss zweier Bäche ist die kleine Sahin-Pansyon gebaut, die für 15 YTL ein einfaches Zimmer bietet, für weitere 8 YTL gibts frisch gebackene Forelle und köstlichen Salat. Das alles auf der neu gezimmerten Veranda über dem lauten Fluss. Ausser mir übernachtet nur eine Familie wie es scheint. Wunderbar. Ich bin das erste Mal richtig glücklich und sicher, dass die Reise sich lohnen wird.

0708: Am Morgen nach dem obligatorischen Grüntee ein Spaziergang durchs Dorf. Ferien sind unter anderem deshalb so erholsam, weil man mit der Sonne früh aufsteht. Also bin ich um halb 8 am südlichen Wasserfall, der den Weg hoch durchs Dorf weiter oben im Tal ist. Weniger imposant, aber am frühen Morgen frisch und erquickend, mir sei das altmodische Wort erlaubt. Um 9 Uhr breche ich auf und nehme die kleine Steinbrücke direkt hinter der Pansyon.

Der Weg führt hinauf in den Wald, die nächsten 4 Stunden verbinge ich auf einem Waldweg, der langsam über den Taurus hinunter Richtung Adana führt. Je weiter man hinunterkommt, desto trockener wird es, und, man ahnt es schon, heisser. Trotz 25er Sonnencreme muss ich ab 11Uhr was überziehen, so brennt die Sonne auf der Haut. Nach ca 40 km endet der Waldweg abrupt und man kommt an ein Gelände der Forstbehörde, wo Holz gelagert wird. Fortan geht der Weg über Serpentinen Richtung Aladag, irgendwann gibts auch wieder Asphalt. Man weiss nicht ob einen das glücklich machen soll, angesichts der Hitze ist er so weich dass man um seine Reifen fürchtet. Der heisse Split knallt an das Metall unter mir. Der Weg hinunter nach Adana und Tarsus ist verzweigt, immer wieder muss man anhalten und fragen, es gibt schlicht keine Schilder und meine Karte ist auch nicht genau. Nicht alle Strassen sind verzeichnet und der Maßstab ist zu gross. Eine vernünftige Karte zu finden wird ein Projekt für das nächste Jahr. Ausserdem ist sie zu alt, viele neuere Strassen sind nicht eingezeichnet. Am Abend komme ich durch Feigengärten und irgendwann kreuzt die Autobahn hinunter in die Cukurova-Ebene. Den Sonnenuntergang geniesse ich mit einem frisch gepressten Fruchtsaft in Mersin. Ich bin erstmal angekommen. Die nächsten Tage verbringe ich bei der Familie von Ezgi und mit Baden im Meer.

0908: Doch eine Sache muss trotzdem erledigt werden. Beim Reifenwechsel in Kayseri stellte sich heraus, das die Bremsbeläge fast runter sind. Ich hatte mich dummerweise zuhause darum nicht gekümmert. Die hintere Bremse zeigt fast gar keine Wirkung mehr. Neue zu besorgen erweist sich als Abenteuer. Ein Anruf bei BMW in Tarsus ist desillusionierend, die wollen 170 Öro für die Beläge. Im Internet finde ich die auf deutschen Seiten für 50 Öro. Was mir freilich wenig hilft. Aber wir sind in Türkiye und damit im Land der findigen Handwerker. In einer Werkstatt des Vertrauens machen sie mir das Angebot, die alten Platten fachgerecht mit neuen Belägen zu versorgen. Wir fragen vorsichtshalber bei der befreundeten Autowerkstatt nebenan, die Ezgis Vater kennt, nach, ob man der Sache trauen kann, die meinen aber, dass die Schrauber zuverlässig arbeiten. Also dann, wir lassen die GS stehen und besorgen verschiedene Dinge in der Stadt. Nach 3 Stunden komme ich wieder und hole die GS, die Bremsen sind super geworden. Und halten immer noch. Nach dem Wochenende komme ich nochmal, weil die Schrauber meinen, wenn ich wollte, würden sie mir das abgerissene Gewinde aus dem Zylinderkopf entfernen. Noch in Almanya war mir beim Abschrauben des Zylinderschutzes eine Schraube abgerissen, das Gewinde steckte noch tief und fest drin. Das ist natürlich eine Gelegenheit. Mit dem Chef fahre ich quer durch die Stadt zum Schweisser seines Vertrauens. Es wird ein interessanter Ausflug und ich bin wieder begeistert über die Sanaiviertel (in Türkiye sind bestimmte Werkstätten in der Regel in Kleinindustrievierteln konzentriert). Der Schweissermeister ist superorganisiert, seine Gesellen und Lehrlinge machen alle Vor- und Nacharbeiten und er zieht von einem Werkstück zum nächsten und macht nur die wichtigen Handgriffe. Mit ein paar Tricks hat er den störrischen Schraubenrest nach wenigen Minuten draussen und der Geselle schneidet das Gewinde nach. Ich hätte die Kamera mitnehmen sollen. Ich fahre zurück in die Motorradwerkstatt und der Mechaniker schraubt den Kram wieder dran. Wir reden die ganze Zeit auf türkisch, aber eigentlich redet er nicht viel. Als ich mich verabschiede spricht er plötzlich deutsch und ich gucke erstaunt. Das klingt natürlich nach einer interessanten Story... Und die geht so: Mehmet wächst in Almanya auf, geht in die Schule, macht später ne Lehre als Mechaniker bei einer namhaften Automarke, aber eigentlich geht ihm der Alltagsrassismus in D auf die Nerven, ständig das Gefühl vermittelt zu bekommen, dass man nicht dazugehört. Als irgendwann der Rektor seiner Schule wieder eine rassistische Bemerkung macht, gibt er ihm ne Klatsche. Komischerweise zeigt ihn der Typ nicht an, er wusste wohl warum. Aber Mehmet verlässt die Schule. Als er 19 oder 20 ist, fährt er mit seinen Eltern in die Türkei, sein Vater kommt aus Adana, seine Mutter aus Mersin. Irgendwann auf der Strasse zwischen beiden Städten bittet er seine Eltern anzuhalten und steigt aus, er teilt ihnen mit, dass er nicht gewillt ist wieder nach Deutschland zurückzukehren und bleibt in der Gegend. Ein paar Jahre hängt er rum und macht Gelegenheitsjobs, dann fängt er zunächst als Automechaniker an, später landet er bei seiner eigentlichen Liebe, den Motorrädern. Er hat seine Entscheidung nie bereut. Wenn er Zeit hat, fährt er mit seiner Yamaha durchs Land. Der Ernst in seinem Blick hatte mich am Anfang schon interessiert, aber dass so eine Geschichte dahinter verborgen war, konnte ich nicht ahnen. Das Land ist voll davon, später werde ich noch auf eine viel interessantere treffen.

1208: Abschied von Ezgi und ihrer Familie in Mersin und den wunderbar ereignislosen Tagen am Strand. Ich nehme fürs erste die Autobahn hinauf nach Pozanti und dann die Nebenstrasse über Camardi und Doganli Richtung Kayseri. Von dort gehts weiter Richtung Sivas, das ich am Abend erreiche. Die Stadt ist mir immer noch in schlechter Erinnerung weil dort 1993 die Rechten ein Hotel anzündeten, in dem Hunderte Aleviten tagten. Viele alevitische Intellektuelle kamen dabei um. Also bleibe ich dort nicht, sondern fahre weiter Richtung Erzincan, Strafe muss sein. Bei Einbruch der Dunkelheit und mit drohenden schwarzen Wolken am Horizont halte ich an einer Tanke an und frage nach einem Hotel im Ort. Man verweist mich ans Belediyehotel, das Hotel der Stadtverwaltung von Hafik. Es ist ein schmuckloser Bau im Ortszentrum. Aber eine gute Adresse. Das Zimmer ist sauber und kostet 10 YTL. Im Foyer sitzen der Portier, der wie sich herausstellt, auch der Feuerwehrmann des Ortes ist und eine ältere Frau, die mir später ihre Geschichte erzählt. Sie ist als Waisenkind aufgewachsen und hat lange in anderen Teilen des Landes gelebt, unter anderem in Mersin, wo ich gerade herkomme. Jetzt wohnt sie im Hotel und bietet mir was von ihren frisch gekochten gefüllten Paprikas an. Ich habe Hunger und sage deshalb nicht nein. Die Dolmas sind lecker und der anschliessende Tee sowieso. Wir unterhalten uns eine Weile und ich gehe früh ins Zimmer und nehme eine heisse Dusche, der Abend war kühl und der Wetterbericht sagt, dass in den kommenden Tagen Schauerwolken über diesen Teil des Landes ziehen. Also mal sehen, was der Morgen bringt.

1308: Früh um sechs stehe ich auf und der Blick aus dem Fenster ergibt nasse Strassen und eine Ahnung von Herbst, in der Luft der Geruch von verbrannter Kohle und Holz.

Ich breche auf Richtung Erzincan und die Wolken halten, was man von ihnen erwartet. In der Ferne über den Bergen sieht man die Schauer niedergehen. Und Kampfflugzeuge, deren Bedeutung ich zunächst nicht verstehe. Später lese ich in der Zeitung, dass eine Militäroperation auf den Spuren von Guerilleros unterwegs war, die am Tag zuvor ein Militärkaserne angegriffen und mehrere Soldaten getötet hatten. Mittags in Erzincan mache ich Rast an einem schönen Ausflugsziel, dem Girvelik-Wasserfall. Eine Freundin aus Berlin, die hier in der Gegend geboren ist, simst, dass sie vor vielen Jahren zuletzt hier war. Ich filme ein wenig für sie. Dann gehts weiter die alte Seidenstrasse Richtung Erzurum. Ich will zu meinem selbstgewählten Point of Return im Osten, der Cobandede-Brücke östlich von Erzurum. Doch heute wird daraus nichts. Ein heftiges Gewitter zwingt mich, am Nachmittag eine längere Pause einzulegen. In der Dämmerung erreiche ich das Hochtal von Erzurum auf knapp 2000m Höhe. Es ist kühl und ein Quartier nicht in Sicht. Ich fahre an der Stadt vorbei und komme hinter dem Pass auf einen Fernfahrerrastplatz. Nach kurzem Nachfragen ist klar, dass ich hier bleiben kann und schlage das erste Mal das Zelt auf. Es ist ein eigenartiger Ort. Die Jungs vom Lokanta setzen sich zu mir an den Tisch und es beginnt eine Unterhaltung. Einer ist Ülkücü, türkischer Nationalist, ein anderer hat die Imamhatipschule beendet und will Koranlehrer werden und der dritte kommt grade vom Militär in den kurdischen Gebieten und erzählt die üblichen Geschichten von den Gräueltaten der PKK und wie er die Einheit des Landes verteidigen musste. Man muss vorsichtig sein mit solchen Typen. Sie sind nett, machen aber auch klar, wo sie stehen. Ich sage, dass ich viele Kurden kenne und dass das alles korrekte Leute seien. Einer meint, dann würde ich sie wohl noch nicht richtig kennen. Hier ist die letzte Bastion des türkischen Nationalismus, dahinter beginnt das Land der Panzersperren, der kurdischen Bewegung, Bürgerkriegszone. Ich gehe früh schlafen.

1408: Und ebenso früh stehe ich im Morgengrauen auf. Nach dem obligatorischen Tee und dem Abbau des Zeltes fahre ich die restlichen 60 km bis zur Brücke.

Ich hatte die Bilder oft im Netz bestaunt und sie hält wirklich, was sie verspricht. Die Brücke wurde im 13.Jahrhundert von den Seldschuken gebaut und überquert den Fluss Aras. Architektonisch wertvoll. Ich mache Fotoshootings für mich und den Erbauer meiner neuen Alukoffer von RMS. Es ist 7.30 h morgens und noch wenig Verkehr. Auf der Tanke neben dem Jandarmakontrollposten entdecke ich 2 französische Jeeps, deren Besatzung gerade ihren cafe-au-lait schlürft. Sie sind noch zu verschlafen um an einem Gespräch interessiert zu sein, vielleicht sind sie sowieso überhaupt wenig interessiert. Also fahre ich weiter bzw ein kurzes Stück zurück auf der Bundesstrasse, um kurz vor Pasinler Richtung Norden abzubiegen, ins Land der Canyons und wunderbaren Landschaften. Richtung Südosten wartet der gleichnamige Teil des Landes auf mich, aber für dieses Jahr wird daraus nichts. Die Unruhen der letzten Wochen lassen mich das verschieben. Ausserdem ists im August definitiv zu heiss und zu trocken für die Region. Man muss da im Juni hin, wenn es noch grün ist und überall auf den Bergen die Blumen blühen.

Fotostrecke Cobandede Brücke - Film Fahrt nach Osten

Der Nordosten hingegen ist eine definitive Entdeckung. Ruhig, verlassen zieht sich eine von Canyons und Flusstälern durchzogene Landschaft dahin, der Verkehr ist vernachlässigbar, die Strassen meistens ok. Ich fahre nördlich bis nach Narman und dann westlich Richtung Tortum, dort gibts wieder einen riesigen Wasserfall, bestimmt 100m hoch. Im Sommer führt er recht wenig Wasser aber immer noch genug um imposant zu wirken. Hinter Tortum führt die Strasse wieder Richtung Norden. Ich halte zum Frühstück in Asmali Konak an, einem Tip meines Gesprächspartners vom Vorabend. An einer Kurve der Landstrasse gibts ein kleines Lokal, sie machen Omlett und das übliche Frühstück inkl leckerem Honig aus den Bergen. Dazu 5 Gläser heissen Tee. Köstlich. Es ist erst später Vormittag, das hat man vom Frühaufstehen. Neben der Strasse stürzt der Fluss zu Tal, es ist laut und gleichzeitig liegt eine unheimliche Stille auf der Landschaft, man ist an einem Ende des Landes angekommen und dahinter geht es gerade nicht weiter. In Georgien ist seit dem 8.8. der Krieg um Ossetien ausgebrochen, die Grenze zu Armenien ist geschlossen. Ein Deadend sozusagen. Das macht den Charme aus, der Tourismus ist so gut wie nicht entwickelt, kaum einer verirrt sich in diesen Teil des Landes. Ideales Moradterrain also.

Fotostrecke Ost Anatolia

Die Strasse zieht sich den Coruhfluss hinunter Richtung Artvin, doch ich biege 75km vorher ab nach Yusufeli. Das Setting ändert sich sofort, Yusufeli ist eine Tourismusblase im weiten Land, Trecking, Paragliding und Rafting werden angeboten, 4 Flugstunden von Almanya entfernt. An der Kreuzung Werbung für Outdoorläden im Ort. Das Tal hinter Yusufeli zieht sich hinauf nach Sarigöl und Altiparmak und schliesslich nach weiteren 35km Schotter kommt man auf eine Alm, die einfach Yaylalar heisst, übersetzt "Almen". Doch langsam langsam. Im Ort kaufe ich im Tourismusbüro eine Regionalkarte, die wird vom Tourismusbüro des Vilayet (Department) herausgegeben und enthält folgerichtig nur die Wanderwege des Vilayet Artvin. Die Wege auf der anderen Seite der Bergkette, die zum Vilayet Rize gehört, bleiben grau. Merkwürdiger Separatismus das. Wahrscheinlich ist es auf der anderen Seite ähnlich und man braucht für die selbe Region zwei Karten.

Fotostrecke Barhal kilise

Im Tal hinter Altiparmak gibts ne alte Kirche aus der Zeit als hier noch Armenier lebten. Die Suche danach erweist sich als schwierig, es gibt keinerlei Hinweisschilder. Anscheinend sind die Anwohner auch genervt, denn ein Opa schickt mich kurz vor der Kirche bewusst in die falsche Richtung. Sehr eigentümlich mitten im Walde dieses imposante Stück christlicher Architektur. Und ein Mahnmal des immer noch unaufgearbeiteten Traumas der Vertreibung der Armenier aus dieser Gegend. Zwar mehren sich die Zeichen einer nicht mehr abwendbaren Debatte im Land, besonders nach der Ermordung des armenischen Schriftstellers Hrant Dink im Jahr 2007, aber die Kräfte der Paranoia sind in dieser Frage noch immer hegemonial. In Hemshin, der nächsten Station meiner Reise, musste auf öffentlichen Druck ein Musikfestival abgesagt werden, nachdem bekannt wurde, dass eine Gruppe auftreten würde, die armenische Texte singt. Man befürchtete, dass "die Armenier kommen und uns das Land wegnehmen wollen". Absurd. Ich verlasse nachdenklich diesen Ort und fahre weiter das Tal hinauf Richtung Alm. In einem kleinen Dorf am Fluss sitzt eine ganze Familie draussen zusammen. Ich halte kurz an und der Opa kommt auf mich zu. 40 Jahre Almanya, Baustelle, hier verbringt er die Sommermonate seiner wohlverdienten Rente. Am nächsten Morgen auf der Fahrt zurück ins Tal treffe ich ihn wieder. Irgendwie haben wir beide fast Tränen in den Augen, keiner weiss so recht warum und daher sprechen wir das nicht an. Seltsame kurze intensive Begegnungen eben. Auf der Alm angekommen ist ein Hochzeit im Gange, es ist kühl und die Leute tanzen Horon, den lokalen Tanz mit Tulumbegleitung, einer Art Dudelsack. Nach einer halben Stunde hat die Sache ein Ende, ein Gewitterschauer geht nieder. Ich beziehe ein kleines Zimmer und nehme eine heisse Dusche, bevor um 19 Uhr das Abendessen ruft.

1508: Fahrt von Yusufeli nach Hemshin, über den berühmten Ovidbergpass. Aber zuerst mal aus den Bergen heraus. Übernachtet im Schatten des Kackarhauptgipfels (sprich: Katschkar) auf der Südseite, gehört zur Provinz Artvin, mithin die trockenere Seite, aber immer noch grün genug, und die Bäche tragen reichlich Wasser. Hinter Yusufeli geht es erstmal ca 15 km eine kleine Strasse hinauf nach Altiparmak, dort hört der Asphalt auf. Dann beginnt ein 35km am-Bach-entlang-Weg, Steine, Schotter, Erde. Irgendwann kommt man auf ca 2500 Höhenmeter in Yaylalar an, der Endstation für Motorfahrzeuge. Hier gibt es eine nette und günstige Pansion für 35 YTL inkl Frühstück und Abendessen, wir sind in Bergsteigerterrain, entsprechend die Leute, alle gehen früh ins Bett und wollen früh auf "um den Gipfel zu machen" ("yarin zirveyi yapacagim"). Ich treffe ein Gruppe Israelis, zwei Pärchen, die in Georgien östlich von Südossetien in den Bergen waren, Trecking in Georgien ist seit sein paar Jahren Mode in Israel, sagen sie. Sie wurden vom Ausbruch des Krieges überrascht, mussten nach ein paar Tagen bangen Wartens eine gefährliche Reise in einem gemieteten Taxi quer durchs Land antreten, sündhaft teuer zumal, aber schliesslich ging es ums Leben. Jetzt waren sie erschöpft und erleichtert in Yaylalar angekommen, froh wieder in einem sicheren Land zu sein. Und einen Bergführer aus der Region Ararat, der mir erzählt, dass schon 3 Wochen nach der Entführung deutscher Bergsteiger durch die PKK Anfang Juli das Geschäft wieder seinen normalen Gang geht.
Aber zurück zur Fahrt Richtung Hemshin: Nach Aufbruch am frühen Morgen erst einmal 2 Stunden gebraucht um wieder hinunter ins Tal zu kommen. Die Entscheidung war bereits am Abend zuvor gefallen: Haareschneiden. In Yusufeli zum Friseur und schnell war der Herr dazu ermutigt worden, die Maschine zu benutzen: kes abi kes, 6 und 9 mm, das sollte für den Rest der Fahrt reichen. Etwas verschämt habe ich dann ein paar Stunden später Bilder von meinem frisch geschorenen Kopf gemacht, damit ich selbst mal sehe, wie das aussieht. Natürlich schockierend auf den ersten Blick. Hier habe ich auch nachgefragt, ob es irgendwo die Gaskartuschen gibt für meinen französischen Campinggaskocher, aber anscheinend nicht. Nur für den Fall der Fälle, könnte in der Zukunft irgendwann mal nützlich sein, noch hatte ich genug Gas und es würde wahrscheinlich bis nach Almanya reichen.
Die Fahrt von Yusufeli nach Ispir war eine Fahrt in den Ofen, je weiter man vorankommt, desto heisser wird es wieder. Und trockener. Das Thermometer steigt, sicherlich über 35 Grad. Die Strasse ist keine Hauptverkehrsstrasse, das ist schon klar, von daher schlecht. Es dauert dementsprechend etwas länger. Hinter Ispir halte ich an der Kreuzung, die vom Pass kommt und hinauf nach Erzurum geht. Ich trinke eine Limo und esse ein paar Süssigkeiten. Ich mag Kreuzungen von Überlandstrassen. Immer passieren unvorhersehbare Dinge. Und siehe da: eine Gruppe von 3 Motorrädern kommt vom Pass, alles ultraneue Dinger, 1200er RT, die Passagiere (alle 3 sind voll besetzt) in den allerletzten und teuersten BMW-Klamotten. Ich hingegen im verwaschenen Tshirt und den staubigen Stiefeln. Sie halten an und fragen den Typen vom Laden nach dem Weg. Ich nehme natürlich an, das sind Ausländer und gehe mal hin, vielleicht kann man helfen. Der Typ sagt "Hello how are you?" eher aus Höflichkeit denn aus Interesse und macht dann auf türkisch mit dem Bakkal weiter. Fehlanzeige. Reiche Moradfahrer aus Izmir, am Revers der Anstecker des IAM. Kenne ich nicht, aber werde der Sache nachgehen. Später in Hemshin finde ich im Netz die Seite des britischen Instituts for Advanced Motorists, einer Vereinigung für alle Arten von Fahrzeuglenkern, zur Erhöhung der Sicherheit und Pflege der Fahrzeugkultur. Machen unter anderem Sicherheitstrainings, die sich am Police Training Manual RoadCraft orientieren. Arbeiten in der Türkei eng zusammen mit den onemoremileriders, die ebenfalls Sicherheitstrainings und geführte Touren anbieten, bzw. ommriders ist ein Club, der u.a. vom in der Türkei lebenden Paolo Volpara gegründet wurde. Nun ja, wir werden das weiterverfolgen, die gerade mal entstehende Motorradkultur in der Türkei ist in der privilegierten Position, nicht alles selbst entwickeln zu müssen, sondern sich die weltweit verfügbaren Rosinen rauszupicken und anzuwenden. Man darf gespannt sein. Jedenfalls, dies alles in Betracht genommen, war der kurze Aufenthalt and der Kreuzung äusserst produktiv, während die Begegnung selbst nicht weiterführte. Die anderen Fahrer waren zu ungeduldig und wollten wegen einem Touristen wie mir nicht länger aufgehalten werden. Allein meine GS und mein ultraschicker Schuberth J1-Helm müssten doch Eindruck gemacht haben. Aber das half anscheinend nichts. Also fuhren sie weiter Richtung Izmir. Und ich endlich hoch auf den Ovidpass.

Fotostrecke Ovidpass

Es wurde kühler. Der Wald wurde lichter und hörte schliesslich ganz auf. Rechts und links immer wieder Imker. Ich habe so einen gewissen Respekt vor den Tierchen, besonders wenn sie einem ins Gesicht fliegen. Erinnere das Ereignis bei der Überquerung des Erciyes-Passes, als eine Biene, ebenso überrascht wie ich, sich in meinem Nasenloch wiederfand. Zum Glück konnte ich sie schnell wieder ausschniefen, aber das sollte mir eine Lehre sein. Bei Bienenstöcken in Sichtweite immer schön das Visier runter. Der Pass hat 2600m, recht kühl also. Bei der Anfahrt ist es bewölkt, meine Erwartung bei strahlendem Sonnenschein über den Pass zu fahren und die naive Idee, von oben das Schwarzmeer zu sehen, kann ich bei der Auffahrt schon begraben. Man kann an diesem Tag froh sein, wenn man überhaupt was sieht. Und das ist wörtlich zu nehmen, wie man noch sehen wird. Später in Hemshin sollte mir Apo erzählen, dass er schon zahlreiche Male den Pass überquert hat und es immer bewölkt war. Der Passhöhepunkt selbst ist unspektakulär, man fragt sich eine Weile ob es das jetzt sicher war. Dann kommen hinter einer Biegung die Wolken!

Dicke flauschige Dinger die vom Schwarzmeer hochtreiben. Ok, man sieht nicht das Meer, aber das Meer kommt einen abholen hier oben, das ist der Deal. Zwischendurch reisst es auf und die Sonne schneidet durch die Wolkenfetzen, alles glitzert, unten in einem Tal sieht man die Kühe wie kleine Punkte an der senkrechten Alm stehen. Man fährt an einem Hang entlang der zu steil ist als dass man sich vorstellen kann, dass sich da noch was bewegt. Dann plötzlich, wieder reissen die Wolken auf und in der schillernden Feuchte des Grases sehe ich rechts steil über mir 2 Menschen am Hang, eine alte Frau und einen jungen Mann, die damit beschäftigt sind, an diesen 50grad-Hängen mit der Sense das Gras zu mähen. Unglaubliches Bild. Zu schnell vorbei für die Kamera. Aber in meinem Headscan eines der Höhepunkte dieser Reise. Und dann rein in die Wolken, Sichtweite 10m. Feucht und kalt. Weiter unten, sobald man unter die Wolken kommt, wird es besser, wärmer, angenehmer, trotzdem geht der Regen in die Klamotten. Irgendwo im Tal auf der Abfahrt bekomme ich Hunger und halte versehentlich an einem kendine pisir-kendine ye-Grill. Fressmassaker, muss nicht sein. Ich fahre weiter. Unten in Ikizdere ist Markt mitten auf der Durchgangsstrasse, LKWs und alle anderen müssen im Schritttempo durch die Stände schleichen. Ich bin gerade noch rechtzeitig gekommen, überall wird bereits abgebaut. Ich halte an, weil ich endlich ein kleines Sieb für den Tee unterwegs kaufen will. Ich frage bei einem Händler für Haushaltswaren. Erst meint er, er wüsste nicht, dann kramt er etwas und findet eins, das wohl schon etwas Wasser gesehen hat, jedenfalls 2 kleine Flecken hat. Als ich frage "Wieviel?" meint er, er schenkt es mir, und wegen der Flecken sollte ich mir keine Sorgen machen, einmal unters Wasser und die wären weg. Ob ich einen Tee wolle. Ich sage nicht nein und nach dem ersten Schluck ist mir klar, dass ich in die Teeregion eingefahren bin. Die Kunst des Aufgiesens und die Qualität des Tee hauen mich um, äusserst lecker, genau das was ich jetzt brauchte. Nach dem 2. Glas bin ich wie neu geboren. Ich danke überschwenglich aber die Jungs sind schon zu sehr mit dem Abbau beschäftigt und für sie war diese unglaubliche Behandlung mal wieder selbstverständlich. Entering Karadeniz, ich fliege weiter Richtung Tal...
Auf der weiteren Abfahrt wieder Regen, dann wieder trocken, dann wieder Regen. Wie ich später erfahre, hatte es in der Gegend die letzten Woche fast nur geregnet. In Rize halte ich, der Hunger wird langsam zuviel und ich komme nicht gerne ausgehungert irgendwo an. Die Stadt in der grauen warmen Feuchte des Nachmittagsregen hat etwas trostloses und schmutziges. Ich halte irgendwo in einer Durchgangsstrasse und esse einen local Hamburger. Lecker. Der Koch ein echter Lazkafasi mit lustigen Sprüchen. Dann fahre ich weiter Richtung Hemshin. Der Regen hört hinter Rize wieder auf. Ich ziehe die Klamotten wieder aus, die Hose hat ausgerechnet im Schritt ne undichte Stelle, irgendwie unangenehm das. In Pazar geht es rechts ab hinein ins Hemshintal. Ich halte irgendwo an um kurz zum Pinkeln im Wald zu verschwinden. Als ich zurückkomme, sehe ich wie ein Dolmus hält und ein alter Mann mit zwei Plastiktüten aussteigt. Er sieht das Motorrad und schaut sich suchend um, wo wohl der Fahrer steckt. Ich komme aus dem Wald und überquere die Strasse. Er scheint erleichtert, dass mir nichts passiert ist und fängt in recht gebrochenem Deutsch an, mir seine Almanyageschichte zu erzählen. In den 80ern schon zurückgekehrt. Den Rest hab ich vergessen. Sehr netter Mann, er wünscht mir gute Fahrt. Sie sind wirklich überall diese Typen. Ich fahre nach Hemshin hinauf, kurz vorm Ort setzt der Regen wieder ein. Aber ich will jetzt ankommen, ziehe die Regenklamotten wieder über und fahre im schlimmsten Gewitterregen durch Hemshin hinauf noch die ca 10 km nach Hilalköy. Ich verfahre mich einmal kurz, aber dann finde ich es. Als ich oben bin hört der Regen auf. Wie schön.

Kurzfilm - Nachmittagsgewitter in Hemshin

Ich gehe in Apos Haus und treffe seine Mutter an. Grosse Begrüssungsfreude. Wunderbar, der Ofen brennt. Die nächsten 5 Tage vergehen in entspannter Atmosphäre zwischen dem Dorf oben am Talhang und dem Fluss, wo wir jeden Tag schwimmen gehen.

Kurzfilm - Bademusik

Die Abende hängen wir im Dorf ab beim Smalltalk von Haus zu Haus. Das Dorf ist ein transnationalisiertes Parttime-Dorf, das eigentlich nur im Sommer bevölkert ist. Im Winter sind die Bewohner in den Städten, New Orleans, Ankara, Istanbul, Izmir, nur mein Freund Apo und ein älterer Herr halten sich hier auf, wenn der Schnee kommt und es tagelang unmöglich macht, den Ort zu verlassen. Aber jetzt ist überall was los.

Fotostrecke Hemshin - Film Hemshin

Eindeutig der Ort meiner Wahl, hier könnte man es wirklich lange aushalten. Vor der Abreise kaufe ich bei einem Bekannten von Apo 5kg erstklassigen biologischen Kastanienhonig von den Kackarhängen, dafür zahlt man normalerweise ein Vermögen und auch für mich ist es nicht wirklich billig, obwohl ich den Freundschaftspreis bekomme. Der Honig hat einen bitteren Geschmack und soll den Winter in Almanya gesund halten. Was er sicherlich tun wird. Ich bleibe fast eine Woche und fahre erst am 21.8. weiter. Der Zenith der Reise ist überschritten, ab jetzt gehts langsam westwärts an der Schwarzmeerküste Richtung Istanbul und schliesslich zurück nach Berlin.

2108: Abreise von Hemshin, fahre an einem Tag nach Ordu. Dort warten Freunde aus Berlin, die zur Haselnussernte auf dem Dorf sind. Auf der Fahrt treffe ich auf einer Tanke 2 Radfahrer, Franzosen, sie kommt aus Puketh in Thailand und er aus China, mit dem Fahrrad! Respekt. Sie haben sich irgendwo in Kasachstan kennengelernt und sind zusammen im Krieg in Georgien gestrandet. Sie haben das Cafeteryaschild an der Tanke irrtümlich als Lokal missverstanden, doch es gibt eigentlich nur Essen fürs Personal. Aber das ist gastfreundlich und bietet den Radlern umsonst Essen an. Wir schütteln noch einen Moment den Kopf und ich fahre weiter zu den Nüssen. Ich komme gerade noch rechtzeitig um die Nacharbeiten mitzubekommen, das Sortieren der Nüsse. Kein leichter Job, aber sicher besser als das Pflücken.

Wir verbringen 2 Tage auf dem Harman, dem Feld, wo die Ernte ausgebreitet in der Sonne trocknet. Die ganze Küste entlang sieht man jetzt überall diese Harmans, manchmal sogar illegalerweise auf der Küstenstrasse. In einem Ort höre ich eine Lautsprecherdurchsage, die die Bewohner auffordert, doch bitte nicht den Verkehr zu behindern mit den Nüssen. Wir essen und arbeiten uns durch die Tage und fallen abends müde ins Bett. Für mich wars ok, aber hinter den anderen liegt eine Woche Knochenarbeit. Am Samstag packen wir ohne dass die Sache hier abgeschlossen wäre. Die staatliche Behörde hat noch keine Abnahmepreise für dieses Jahr verkündet, und so lange das nicht geschehen ist, sind alle unruhig. In den letzten Jahrzehnten hat der Staat die Bevölkerung ermuntert, nur noch Haselnüsse anzubauen. Die Türkei und besonders die Region Ordu produziert einen Grossteil der Welthaselnussernte. Eine Weile ging das gut und viele wurden wohlhabend, doch mittlerweile sind die Weltmarktpreise im Keller und der Anbau lohnt sich kaum noch. Aber der Weg zurück ist schwierig. Und was "zurück" bedeuten könnte ist eh unklar.

Fotostrecke Ordu

2408: Wir reisen gemeinsam ab und trennen uns kurz vor Fatsa, jener legendären Stadt, in der Ende der Siebziger Jahre kurzzeitig die Commune regierte, Volksräte, die die staatlichen Organe kurzerhand entmachteten. Bevor dann das Militär kam und dem revolutionären Spuk ein blutiges Ende bereitete. Die anderen fahren ins Landesinnere Richtung Ankara, ich hingegen weiter an der Küste Richtung Westen. Bis Samsun wenig spannend, danach öffnet sich eine andere Welt. Jedes Mal wenn die grossen Strassen in eine andere Richtung verschwinden oder noch gar nicht gebaut sind, öffnet sich eine andere Zeitlichkeit. Die alte Zeit kehrt zurück, über den Orten weht der Wind der alten Republik, die Zeit vor der Neoliberalisierung, die Mitte der achtziger Jahre begann. Die gesamte Region westlich von Samsun bis kurz vor Istanbul ist davon bisher verschont geblieben, so scheint es. Der Preis dafür ist Nichtentwicklung oder Deentwicklung, letzteres bezeichnet Orte wie Ayancik, wo einstmals ein grosses Sägewerk für lokalen Boom sorgte. Diese Zeiten sind lange vorbei und das Sägewerk dient heute als Holzlager. Still ist es geworden, nur der August bringt ein kurzes Aufflackern von Geschäftigkeit. Doch jetzt, Ende August ist das auch schon wieder vorbei, die letzten Feriengäste reisen ab in die Städte, oder nach Almanya, wohin ganze Dörfer ausgewandert sind, der Rest der Bevölkerung lebt von den Remittances. Doch langsam, wir nähern uns von Osten.
Hinter Samsun fängt die Küste schon an malerischer zu werden. Ich fahre bis zur Dämmerung, kurz vor Gerze, wo ich hoffe eine Pansyon zu finden. An einer Kurve der hoch gelegenen Küstenstrasse halte ich an. Ein Teegarten, wie nett. Ich sehe eine Gruppe von Jungs, offensichtlich gehören ihnen die 3 125er, die auf dem Parkplatz stehen. "gel cay icmeye sen bizdensin / komm, trink einen Tee mit uns, du bist doch einer von uns", ohne Zögern bin ich zum Tee eingeladen. Palaver Palaver, Motorräder, wieviel Benzinverbrauch, PS, wie schnell, etc. das Übliche. Einmal driftet das Gespräch Richtung Politik, aber einer meint, lassen wir das, keine Lust auf unfreundliche Themen. Lachen, geht in Ordnung, ich auch nicht. Es wird dunkel und die haben noch eine Stunde Weg vor sich in die Richtung, aus der ich komme. Der Tee ist auch alle.

Wir steigen auf, machen aber vorher noch das Gruppenbild mit GS und verabschieden uns. Ich fahre runter nach Gerze und beziehe das beste Hotel am Ort, für 40YTL kann man das ja mal machen. Dusche, Fernsehen, Schlafen.

Fotostrecke Westkaradeniz

2508: Jetzt beginnt der eigentliche Teil des Westschwarzmeergebiets. Ich wollte schon seit Jahren mal nach Sinop, erschien mir immer ein interessanter vielversprechender Ort. Die Stadt liegt auf dem Sattel des Übergangs vom Festland auf eine Halbinsel, rundrum Meer also, brandendes tosendes Schwarzmeer, fast was Schottisches hat die Atmo. Ich fahre hin und her durch die Stadt bis ich einigermassen einen Eindruck habe. Speziell, so wie ich es erwartet habe. Voller Schiffbautradition. Ein Laden bietet Modellschiffchen an, voll davon bis zum Rand, Hunderte. Im Hafen treffe ich Hamdi, einen Mann in meinem Alter, der sich grade ans Motorradfahren traut und sich fürs erste eine dieser Billig-China-125er gekauft hat, die schon beim ersten Start anfangen auseinanderzufallen. Er meint, das sei schon ok, wenn er sie zersemmelt, seis schliesslich nicht schade drum und was Besseres wolle er sich erst später kaufen. Wir trinken ein paar Tees und er erzählt mir interessante Dinge. Ich erfahre was die wichtigen Internetforen sind für Morader in der Türkei "motosikletforum.com" zb. und wo in Istanbul die ganzen Motorradklamottenläden sind, nämlich in Kiziltoprak neben dem Stadion von Fenerbahce. Wir reden über dies und das und schliesslich fahren wir los, er will mir in der Nähe den einzigen Fjord der Türkei zeigen. Der Fjord ist klein und schmal, vielleicht zwanzig Meter breit, geht aber mehrere Kilometer ins Landesinnere. Angeblich hat hier Atatürk Anfang der 20er Jahre sein Schiff versteckt. Hamdi gibt mir noch Tipps für die weitere Umgebung und wir verabschieden uns herzlich. Ein paar Tage später werde ich Mitglied im Forum. Aber erstmal fahre ich nach Inceburnu, dem nördlichsten Punkt der Türkei, ein Leuchtturm in einsamer Landschaft. Gerade angekommen, treffe ich einen Kleinbus voller turkmenischer Touristen aus dem Irak, sie sprechen türkisch mit stark arabischem Akzent. Fotoshooting und ab zum nächsten Punkt. Ich bin wieder alleine. Ich fahre ein wenig zurück ins Landesinnere und nehme eine Schotterstrasse, dann wieder entlang der Küste. Wieder 30 km Niemandsland, an einer Bucht wage ich mich zuweit in den Sand, für den die Metzeler Tourance Reifen nicht gebaut sind und liege gleich flach. Mit dem ganzen Kram in den Koffern ist die GS doch schwer und ich muss abladen um sie wieder hoch und aus dem Sand zu bekommen. Unvernünftig, ganz allein am Strand und dann solche Experimente.

Ich gehe trotzdem ans Wasser und finde einen 100ml-Beutel russisches Nottrinkwasser mit entsprechenden Hinweisen auf der Rückseite: "Am ersten Tag nichts trinken, an den folgenden nicht mehr als 500ml am Tag" auf russisch und englisch. Das Verfallsdatum ist abgelaufen, der Beutel trieb wohl schon einige Jahre im Karadeniz. Ich klebe ihn hinten an den Koffer, man weiss ja nie. Leider verliere ich ihn Tage später auf einer Schotterpartie. 10 km weiter im 2.Gang komme ich endlich wieder in ein beschauliches Dorf. Nichts kündet von den Ereignissen, die sich hier einen Tag zuvor abspielten. Wie auch. Ein grosser Brackwassersee ist Naturschutzgebiet, der Ort heisst Sarikum, gelber Sand. Später lese ich in der Zeitung, dass hier die Tage vorher ein Protestcamp internationaler Umweltaktivisten stattfand gegen die geplante Nuklearanlage in Sinop. Weil die Jandarma das Camp einen Tag vor Ablauf räumen lies, gab es Proteste mit zahlreichen Festnahmen in Sinop vor dem Gebäude der Vilayetverwaltung. Die Landschaft war stumm und schön und kein Zeichen der vergangenen Ereignisse. Wie trügerisch Idylle sein kann. Gegen Abend erreiche ich die Bucht von Gideros, ein paar Buden mit Köftegrill und Bierverkauf, ein paar Zelte, sonst nichts. Ich schlage das Zelt auf und verbringe eine angenehme Nacht im Rauschen der Wellen. Kurz vor Dunkelheit kommt noch ein französisches Pärchen im Leihwagen, erst am Morgen unterhalten wir uns. Sie wollen Richtung Osten, dahin, wo ich herkomme. So kann ich ihnen ein paar Tipps geben. In der einbrechenden Nacht kommt der Schäfer und wir führen einen längeren Talk über die Gegend und das Leben als solches. Er wohnt in einem baufälligen Haus am Rande des Strands. Another life is possible. Am Morgen treffe ich ihn wieder wie er mit seinen Schafen auf die Weide zieht. Wir verabreden uns eventuell später in der nahegelegenen Stadt zu treffen. Aber daraus wird dann nichts.

2608: Ich überlege ob ich nicht noch einen Tag bleiben soll, denn das Wetter soll schlechter werden, Lodos ist angesagt, der kalte Wind aus dem Norden, und somit wäre das einer der letzten heissen Tage mit Schwimmen und Sonnen und so. Aber ich breche das Zelt ab, denn ich hab schon genug gerastet und will schliesslich noch was sehen. Zum Frühstück fahre ich ins nahegelegene Ayancik. Und dort wartet wieder eine dieser unglaublichen Geschichten auf mich. Ich checke an der völlig verlassenen Strandpromenande mögliche Frühstückslocations als neben mir ein Mountainbike hält. Murat stellt sich vor und das mit einem deutschen Akzent, der mir gleich bekannt vorkommt. Er redet nicht lange um den heissen Brei herum und erzählt mir sofort, dass er lange Zeit in Mannheim/Ludwigshafen gelebt hat, aber dann in den Knast musste und danach abgeschoben wurde. Na prima, ein Landsmann also, denke ich und bin gespannt auf die Geschichte. Es kommt noch dicke: Er hatte in den 80ern eine Kneipe im Hemshof (das Kreuzberg von LU) als eines Abends spät, als er mit ein paar anderen Gästen noch in der Kneipe war, eine Horde von 20 Skinheads mit Basebalschlägern hereinkam. Aber hallo, das kennen wir doch noch aus eigener Erfahrung, damals terrorisierten die Skins und die Cityboys jeden, der nicht arisch genug aussah. Es gab jedenfalls ein Gerangel und einer der Gäste versuchte die Kneipe zu verlassen um die Polizei zu rufen. Die Skins schlagen daraufhin mit den Basies auf den Gast ein. Murat wirds zuviel und er zückt eine Knarre, die er illegalerweise hinter der Theke bunkert und streckt zwei Skins nieder. Tot. Beide. Daraufhin wird er festgenommen und später wegen Mord und unerlaubtem Waffenbesitz zuerst auf "lebenslänglich" verklagt, dann auf 14 Jahre verurteilt, er kommt unter der Massgabe von Ausweisung und 10 Jahre Einreiseverbot nach 7 Jahren frei. Er akzeptiert die Ausweisung und lebt seit 1994 deshalb wieder in der Türkei. Seine deutsche Frau und seine beiden Kinder, die in Mannheim wohnen, sieht er nur selten, denn obwohl er wieder nach D könnte, hat er keine grosse Lust mehr. Er erzählt das so locker wie wenn er von einem Fussballspiel berichtet. Ich bin total gerührt, auch wegen der eigenartigen Verquickung mit meiner eigenen Geschichte, ich habe immer noch diese Narbe am Kopf von dem Skinüberfall 1988. Und dass ich trotzdem diese Geschichte nicht kannte, obwohl sie am Kreuzungspunkt mit meiner eigenen Vergangenheit lag.

So kommt die dann plötzlich wieder an einem völlig unerwarteten Ort, 20 Jahre später - strange. Wir tranken noch einen Kaffee zusammen und verabschiedeten uns herzlich. Helal olsun abi!
Ich fahre weiter westlich die Küste entlang, bis Inebolu ist die Strasse eineinhalb Daumen breit, kein Verkehr, jede Bucht schöner als die Vorherige, ein Traum. Am Abend erreiche ich Cide, ein weiterer verträumter Badeort, 13km westlich davon an einer kleinen Bucht gibts eine nette Pansyon, deren wenige Gäste direkt am Meer die Abendsonne geniessen. Ich quartiere mich für 35 YTL inkl Frühstück ein und nehme eine leckere Fischmahlzeit zu mir. Am Tisch nebenan erklärt ein Schweizer Akademiker auf englisch seinem türkischen Bekannten die Welt, er redet gerne und viel, mir bald zuviel, so dass ich früh die Terasse verlasse und aufs Zimmer gehe. Früh schlafen war ja mein Programm diesen Sommer.

2708: Der Morgen grüßt mit dem versprochenen schlechteren Wetter, das erste Mal seit Wochen eine geschlossene Wolkendecke. Ich fahre zurück nach Cide und sehe gerade noch wie ein Kommando der Luftstreitkräfte eine morgendliche Operation beendet, sie haben einen Einpropeller, den man sich wie einen Rucksack auf den Rücken schnallt und hatten damit wohl einen Flug am Strand absolviert. Die Show scheint zu Ende, es gibt nichts mehr zu sehen. So fahre ich weiter, Richtung Kastamonu ins Landesinnere, denn schliesslich will die GS mal wieder ein paar schnelle Bergkurven unter die Räder bekommen. Ich fahre über Azdavay und Eflani Richtung Safranbolu und bin wieder hin und weg ob der Landschaft. Das Thema der ganzen Fahrt, der Zoomfaktor, geht mir nicht aus dem Kopf. In Europa gibt es solche Landschaften nicht. Ist dort die Landschaft Faktor 1, so ist der Faktor in Anatolien, je weiter man ostwärts kommt, mindestens 2, manchmal sogar 3. Will heissen, die Dimensionen, in denen man sich bewegt, verändern sich. Die Menschen und ihre Artefakte sind kleiner, die Landschaft größer, die Berge massiver, die Strassen, deren Verlauf man manchmal 10km weit und mehr verfolgen kann, verlieren sich in der Weite der Dimension. Immer wieder entzückend und so auch an diesem Morgen hinauf in die Berge. Die Strasse nach Azdavay ist gut ausgebaut und hat traumhafte Kurven, so dass die BMW mit knapp 100km/h die Berge hoch fliegt. Irgendwann ist ein Tofas hinter mir, der gut mithält. Ich wundere mich schon über den wohl verwegenen Fahrer. Dann gibt er Lichthupe, dass ich anhalten soll. Heraus steigt ein älterer Herr, der auch ein paar Brocken deutsch kann und fragt woher wohin. Irgendwie immer wieder nett und beschämend zugleich wie sich die Leute um einen kümmern. Er gibts mir noch Tipps wegen Abkürzungen aber mir ist an diesem Morgen wenig nach Pfadfinder zu Mute, so dass ich die Hauptstrasse vorziehe, auch wenn das 20 km Umweg bedeutet. Also fahre ich weiter und erreiche einige Stunden später in der mittlerweile doch wieder heissen Sonne Safranbolu, die Märchenstadt aus dem Tourismusprospekt. Sofort Szenenwechsel, mitteleuropäische und japanische Rucksacktouris bei der gelangweilten Abarbeitung ihres Reiseführers, weitgehend sprachlos in den Gassen der Stadt, wo ein Souvenirshop den nächsten begrenzt. Ich schaue mir das ne halbe Stunde an und reise wieder ab. Durch hügelige Landschaft gehts Richtung Zonguldak, der Bergwerksstadt der Türkei, doch irgendwann überlege ich, dass ich abends in Akcakoca sein will und fahre eine Abkürzung. In Eregli komme ich wieder ans Meer und fahre vorbei an Schiffswerften, die Körper der riessigen Kolosse stehen direkt an der Strasse. Kurz vor Akcakoca kommt plötzlich ein Wagen in einer irren Geschwindigkeit auf dem Schotter neben der Strasse entgegen, versucht dem LKW, der vor mir fährt auszuweichen und verschwindet den Abhang runter Richtung Meer. Oha denke ich und einige PKW-Fahrer wohl auch und halten schnell an.

Der Wagen steht wie geparkt unten auf den Klippen kurz vor der Brandung, der Fahrer ist schon ausgestiegen und hat die Tür abgeschlossen und ist dabei, zu telefonieren. Soviel Kaltblütigkeit verdient Achtung. Oder ists einfach der Schock? Jedenfalls irre Glück gehabt, das hätte ganz anders ausgehen können. In Akcakoca finde ich ne nette Pansyon und den Lodos, der das Meer aufwühlt. Ein Spaziergang am Kai und was Leckeres zu essen. Den nächsten Tag gibts nochmal ganztags Strand, das letzte Mal in diesem Jahr. So langsam muss ich mich wieder an den Gedanken der Stadt gewöhnen, das nahe Istanbul erschreckt mich ein wenig nach den Wochen im Freien, der Einfachheit des Landes. Ich finde einen guten Kompromiss. Ich werde einen Freund in der Sabanci-Universität besuchen, das ist 50 km außerhalb der Stadt, eine langsame Annäherung also.

2908: Abreise Akcakoca, wieder kleine Küstenstrassen westwärts. Ich war nie zuvor hier, dachte aber immer es würde langsam städtischer werden, schliesslich ist das schon Hinterland von Istanbul, der Megametropole. Aber Agva ist verträumt, der nahende Ramadan tut ein übriges. Wunderbarer Sandstrand kilometerlang, ich schwimme nochmal am Nachmittag und sonne mich ein wenig. Nach all den Wochen Hitze noch immer das Gefühl, dass Sonne auf der Haut was Tolles ist, von dem man nicht genug bekommen kann. Und schliesslich komme ich nach Sile, dem Schickimicki-Ort nahe der Stadt, der Strand gleich anders, kommerziell und nur gegen Gebühr kommt man überhaupt erst in seine Nähe. Glücklicherweise gilt das nicht fürs Motorrad. Von hier aus fahre ich auf Nebenstrassen Richtung Gebze, ein Ort im Hundert-Kilometer-Vorstadt-Konglomerat, das nach Istanbul führt. Aber es ist ländlich bis zuletzt.

Komisch denke ich, wo bleibt sie nur die Stadt, aber dann tauchen hinter einer Kurve plötzlich die rießigen Hallen auf, die Fabrikgebäude, der Gestank der Chemiefabriken, das DHL-Lager auf einem Hügel, unten am Meer weit weg die Werften, und mitten in dieser modernen Wüste wie eine Raumstation der abgeschirmte Campus der Sabanci. Man lässt mich rein nachdem ich meinen Perso abgegeben habe und man weiss zu wem ich will. Das Wochenende verbringen wir natürlich nicht nur auf dem Campus, diesem Feriendorf oder, wenn mans negativ sehen will, diesem Knast für Akademiker (Arkadasim buna itiraz etmedi!).

0109: Ich fahre endgültig auf eigenen Rädern in diese grossartige Stadt, in Kadiköy auf der asiatischen Seite treffe ich Teoman, bei dem ich mein Topcase abhole (längere Geschichte) und der mir hilft, eine Werkstatt zu finden, die mir nach jetzt 7500 km Reise endlich den Hinterreifen wechselt, der immer noch nicht das Limit erreicht hat, dabei habe ich doch schon letztes Jahr damit die Tour mit über 11tkm gefahren, insgesamt hat der Reifen mindestens 25tkm runter, es ist unbegreiflich dass da überhaupt noch Profil drauf ist. Es würde auch noch bis nach Hause reichen, aber jetzt brauch ich den Platz hinten und lasse ihn folglich wechseln. Der Usta in der Werkstatt verstehts auch nicht ganz und fragt ob ich den alten Reifen noch haben will. Ich sage ihm, dass ich den endlich loshaben will: "Iste kurtulmak istiyorum bu hayvandan. Bitmiyor yani, bitmiyor!". Er grinst breit. In den Koffern stapeln sich mittlerweile die Leckereien: Honig und Tee aus den Kackars, frischer Kurukahveci Mehmet Efendi-Kaffee (dessen Duft man schon um drei Ecken riecht) und Urfa-Isot, Havlus, Murattis und Hamamseife aus Istanbul, Armutpekmez aus Ordu, später sollte noch Tursu aus Serbien dazukommen. Sag mal einer, dass in so ein Morad nichts reinpasst! Nach einem gemeinsamen Essen und angenehmer Konversation mit Teoman verabschieden wir uns und ich fahre rüber auf den europäischen Kontinent. Byebye Anatolia!

Nach 3 Tagen in der Stadt und vielen Freunden und Besorgungen (ich habe unter anderem die Doku von Ümit Kivanc über Kazim Koyuncu erstehen können auf 3 DVDs, ein langer Film mit vielem sehr persönlichen Material über den Musiker, der 2005 an den Spätfolgen von Cernobyl verstarb. Ich hatte Kazim, den ich seit Anfang der 90er kannte, zuletzt kurz vor seinem Tod in Istanbul getroffen. Damals erzählte er mir nichts über seine Krankheit. Aber in der traurigen Ernsthaftigkeit, die so gar nicht seine Art war, war sie präsent... Im letzten Jahr war ich in Hopa an seinem Grab gewesen um mich von ihm zu verabschieden) verabschiede ich mich mit einem letzten Tee vom Bosphorus und dem Schwarzen Meer. Ein Hauch von Herbst weht über der Stadt und das ist wirklich die schönste Jahreszeit dort, wenn die Sonne mild und warm ist und das Licht golden.

0409: Früh morgens los Richtung Grenze, ich habe beschlossen, auch wenn das ein Umweg ist, über Selanik zu fahren, aus rein nostalgischen Gründen, weil dort das Abenteuer Türkei für mich vor 23 Jahren einen zufälligen Anfang nahm. Ich machte damals Autostop an der falschen Ausfallstrasse, wollte eigentlich nach Jugoslawien, aber der LKW, der mich mitnahm, fuhr nach Istanbul. Nun ja... Am Abend also dort kurz das magische Stadtrundfahrtprogramm inklusive Cafe am Kordon, und dann nichts zum Übernachten gefunden. Also raus Richtung Grenze Makedonia in der Dunkelheit. In Polikastro kurz vor der Grenze ein kleines Motel gefunden, der Alte lässt auch mit dem Preis handeln. Ich trinke noch ein griechisches Bier auf der Terasse und schaue nachdenklich auf den Playboyclub gegenüber. Was sich da wohl verbirgt, ich werde es nie erfahren.

0509: Früh am Morgen die Grenze überquert, noch schnell im Dutyfree eine Flasche Ouzo eingekauft und den ganzen Tag durch Mazedonien und Serbien gefahren, bei Einbruch der Dämmerung erreiche ich Ungarn und nach einer Stunde Warten bin ich wieder in der EU. Ich beschliesse weiter auf der Autobahn in die Nacht zu fahren bis es nicht mehr geht und dann irgendwo auf einer Raste zu schlafen. Ich schaffe es immerhin bis hinter Budapest um 0.30 Uhr, stattliche 1200km an diesem Tag, insgesamt die längste Etappe meiner Reise. Die Nacht ist kühl, was wohl in zweiter Linie an dem beschissenen Schlafsack lag und in erster Linie am nahenden Herbst in Mitteleuropa.

0609: Also stehe ich früh auf, verlasse die Autobahn, auf der ich mich sowieso illegal aufhalte, da ich in der Nacht nicht recht glauben wollte, dass wirklich kontrollierbar sei, ob ich eine Vignette habe oder nicht, und kaufe im nächsten größeren Ort ein. Frühstück gibts dann an der Donau, ein letztes Mal ein Flecken wunderbarer Erde, ich bin ein Flusskind, aufgewachsen am Rhein, und die Donau ist noch viel besser.

Hier bei Györ breit wie 2 Fussballfelder lang, kaum Schiffsverkehr und keine Menschen morgens um 8, der ideale Ort für das letzte Sonnenbad und den ersten Kaffee mit der Aussicht auf das nahe Wien, noch 2 Nächte bei einem guten Freund in dieser skurrilen Stadt und dann wieder zurück ins kühle Berlin, da wo das Leben stationär verläuft, in den Komplexitäten der metropolitanen Sozialität, verwirrt und entfremdet und den Kopf voller grossartiger Bilder...

Statistix:
Gefahrene Kilometer: 10675 km
Davon im Transit: 4560 km
In Türkiye: 6115 km
Durchschnittsverbrauch: 5.04 l/100km
Ungefähre Spritkosten: 900€, in der Türkei kostet 1 Liter gegenwärtig 1.90€
Die Moral von der Geschicht: Moradfahren ist LUXUS!
1 YTL = 0.57 €

Literatur:
Sevan und Müjde Nisanyan, Karadeniz/Black Sea
Sevan und Müjde Nisanyan, Ankara'nin Dogusundaki Türkiye/Eastern Turkey
Beide Bücher auf türkisch und englisch, erhältlich in guten Buchhandlungen in Istanbul
Boyut Kitaplari / Istanbul

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